Heiss. Feucht. Energie.

Blitze
Bild: Johannes Plenio auf Unsplash

Während das Parlament die Sommerferien geniesst, spürt die eine oder der andere, dass es vielleicht doch eher ungewöhnlich warm geworden ist unter dem Sonnenschirm. Vielleicht machen sich die Damen und Herren am Strand oder in den Bergen auch ein paar Gedanken zur kommende Herbstsession, wenn sie sich mit der Umsetzung des Klimaschutzgesetzes befassen müssen. Das Ziel ist klar: Netto Null CO2-Emissionen bis 2050. D.h., es bleiben 27 Jahre, um dorthin zu kommen. Das scheint viel Zeit, und es wird ein ganz anderes Parlament sein, das zum Endspurt ansetzt.

Schuld an der Hitze ist Cerberus, der dreiköpfige Hund aus der griechischen Mythologie. Das Hoch hat heisse Luft aus Afrika nach Europa mitgebracht. Diese Luft sorgt teils für starke Hitze, teils für horrenden Regen. Alvaro Silva von der World Meteorological Organisation WMO sagt, dass sich mit dem erwärmenden Klima solche Wetterphänomene verstärken und auch häufiger werden: «Bis 2050 steigt bei etwa der Hälfte der europäischen Bevölkerung die Wahrscheinlichkeit extrem, dass sie im Sommer unter Hitzestress leidet.»

 

Seit es so heiss geworden ist, schliesst die Akropolis in Griechenland ab Mittag während fünf Stunden. Auch wurde ein Verbot für Bauarbeiten und Lieferdienste während den heissesten Tagesstunden ausgesprochen. Auf Wind warten die Athenerinnen vergeblich, weil auf der ägäischen Insel Naxos Waldbrände ausgebrochen sind. 

 

Während der Planet seit der Industriellen Revolution um etwa 1,2 Grad wärmer geworden ist, sind  die Temperaturen in Europa fast um das Doppelte gestiegen. Zur lastenden Hitze trägt auch das Wetterphänomen El Niño bei, das sich nach einer Pause von drei Jahren zurückgemeldet hat. Es wird erst jetzt richtig aktiv und wird die Temperaturen in Europa in neue Höhen treiben. Kein Wunder waren die ersten Julitage die heissesten, die die Wissenschaft je gemessen hat. Die Statistik sagt aber auch, wie stark die Erderwärmung mit diesen Temperaturrekorden zu tun hat. Eine Studie der World Weather Attribution bestätigte, die Klimakrise erhöhe die Wahrscheinlichkeit von extremen Temperaturen um das Hundertfache. 

 

Viele Menschen leiden heute schon unter der langanhaltenden Hitze; vor allem, wenn auch die Nächte keine Abkühlung bringen. Die Anzahl sogenannter Tropennächte hat sich verdoppelt oder sogar verdreifacht in Südeuropa, und für eine neue Kategorie gesorgt: Jetzt werden auch Höllennächte gezählt, wenn die Temperatur nicht unter 30 Grad fällt. Eine neue Studie hat rund 61’000 Hitzetote in Europa festgestellt, mit Frauen und älteren Menschen an der Spitze. 

 

Vielerorts wird die grosse Hitze durch extreme Gewitter und sintflutartige Regenfälle abgelöst. Vielleicht steigen damit die Chancen für eine ganz neue Art von Energiegewinnung – eine von der Nicola Tesla einst träumte: feuchte Luft in Energie umwandeln. Oder jene Prozesse kontrollieren können, die in Gewitterwolken vor sich gehen. Hygroelektrizität nennt sich diese mögliche neue Energiequelle, an der mehrere Wissenschaftsgruppen rund um die Welt forschen. Wassermoleküle in der Luft können winzige Mengen Elektrizität aneinander abgeben. Und bei einem anständigen Gewitter, entladen sich jeweils ganz gewaltige Blitze. Diese Prozesse wollen die Forschenden kontrollieren lernen. Erste Erfolge haben sich eingestellt, die «geerntete» Energie ist jedoch noch sehr weit davon entfernt, auch nur eine Glühlampe zum Leuchten zu bringen. 

 

Dennoch, die Idee ist bestechend. Und mit den Fortschritten der Technologie, wer weiss? Jede Möglichkeit, eine energiesüchtige Welt am Laufen zu halten, ohne den Planeten vollends zu ruinieren, ist es Wert, erforscht zu werden. 

Christa Dettwiler