Ich nicht, aber er auch

Foto: Wellmind / Depositphotos
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Dass das Weltklima Entlastung braucht, ist unbestritten. Dass jeder Beitrag dazu zählt, ebenfalls. Nur, was nützt es, wenn ich auf Flüge und Filets verzichte, solange Kohlekraftwerke weiter feuern und Regenwälder zu Kleinholz verarbeitet werden? Sie ist eine ewige persönliche Herausforderung, die Eigenverantwortung. Vor allem, wenn Staaten und Wirtschaft nicht als Vorbilder taugen.

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW hat den Beitrag des individuellen Klimaschutzes zum grossen Ganzen genau angesehen. Statistisch ist jeder Mensch in der Schweiz jährlich für 13.6 Tonnen CO2-Äquivalent verantwortlich. Ist einer dieser Menschen aus innerer Überzeugung Klimaschützer, ohne dass ihn der Staat dazu zwingt, kann er im Idealfall sein Budget um gerade mal einen Fünftel verringern. Studienautor Jürg Rohrer macht sich keine Illusionen: «Leider hört man gerade in Abstimmungskampagnen oft das Schlagwort Eigenverantwortung. Damit erreichen wir die Klimaziele aber bei weitem nicht.»

 

In diesem Licht betrachtet, kriegen auch die Resultate verschiedener Umfragen zum individuellen Verhalten einen anderen Stellenwert. Die Meinungsforschungsgruppe Kantar etwa hat insgesamt 9 000 Erwachsene aus neun verschiedenen Ländern in Europa, USA, Neuseeland und Asien zu ihrem Verhalten befragt. Die Widersprüche sind eklatant: 62 Prozent halten die Klimakrise für die wichtigste Herausforderung, aber nur 46 Prozent sehen sich veranlasst, das eigene Verhalten zu ändern.

 

36 Prozent halten sich selbst für «sehr engagiert» im Klimaschutz. Dasselbe denken aber nur 19 Prozent von ihren jeweiligen Regierungen. Grosse Unternehmen halten nur 13 Prozent für ähnlich verantwortungsvoll. Gleichzeitig glauben 39 Prozent, dass ihr Verhalten gar nichts bewirkt. 

 

Wenn es ums eigene Portemonnaie geht, ist es schnell vorbei mit Klimaschutz. So ergab eine Umfrage der Tageszeitung Baden-Württemberg zwar eine Mehrheit für griffigere Klimaschutzmassnahmen, gleichzeitig ist eine Mehrheit nicht bereit, mehr fürs Heizen oder Autofahren zu zahlen. Das Scheitern des Schweizer CO2-Gesetzes hat diese generelle Haltung nur bestätigt. Auch die Kantar-Umfrage zeigt klar auf, dass Klimaschutzmassnahmen, die den Alltag tangieren, höchst unpopulär sind. 

 

Die grosse Trendstudie «Jugend in Deutschland» zeichnet ein ähnliches Bild. Über 80 Prozent können sich ein Leben ohne Auto und tierische Produkte nicht vorstellen. Immerhin wollen 27 Prozent kein Flugzeug mehr besteigen. 

 

Alle diese Umfragen bestätigen: Freiwilliger Klimaschutz stösst an sehr, sehr enge Grenzen. So stellt Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung, die die ZHAW-Analyse in Auftrag gab, nüchtern fest: «Politische Massnahmen sind unverzichtbar für den Klimaschutz», und verweist etwa auf das Thema Heizungsersatz. 

 

Der Kanton Zürich ist ein wunderbares Anschauungsbeispiel für genau diese Aussage: Mit einem erfreulich deutlichen Ja hat das neue Energiegesetz die Hürde der Volksabstimmung mit Bravour übersprungen. Im Vorfeld aber setzte ein kleiner Run auf neue Ölheizungen ein, weil bestimmt nicht arme Immobilienbesitzer kurzfristig beim Heizungsersatz ein paar Franken sparen wollten. Die hohen Ölpreise und die Kosten, die ein instabiles Klima verursacht, können sie ja auf die Mieterinnen und auf die Allgemeinheit abwälzen.

Christa Dettwiler