Oben Sonne, unten Wein

Bild: @ZHAW
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Und weiter geht’s mit den guten Nachrichten – ja sogar mit der «wohl positivsten Meldung des Jahres». Das sagt kein Geringerer als der deutsche Klimajournalist Franz Alt. Er meint damit das 370 Milliarden Dollar schwere Programm, das letzte Woche haarscharf an den geschlossenen republikanischen Gegenstimmen vorbei durchs US-Parlament geschrammt ist.

Das Ziel des Klimapakets ist klar: Reduktion der Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 2005. Das ist nicht nur ein grosser Schritt für das Land, das die hemmungslose Verschwendungssucht praktisch personifiziert, das lässt auch den Rest der Welt etwas aufatmen. Dieser historische Entscheid steht in krassem Gegensatz zu den klimapolitischen Irrläufen, wie sie Europas Politikerkaste zurzeit praktiziert. 

 

Auch das US-amerikanische Klimapaket ist nicht perfekt. Es ist nur eine abgespeckte Version des ursprünglich angepeilten, das am Widerstand eines einzigen Demokraten scheiterte: Am Vertreter des Staates West Virginia, Joe Manchin, der mit Kohle Millionen scheffelte. Eingelenkt hat er nur, weil er etwa Bohrlizenzen in Teilen von Alaska und im Golf von Mexiko herausschlug. 

 

Expertinnen erachten nicht nur die Massnahmen als entscheidend, fast noch wichtiger sei die Tatsache, dass die USA nun in der Klimadiplomatie – etwa am nächsten Klimagipfel – ganz anders auftreten können. Zum Nachrichtenmagazin Der Spiegel sagte Susanne Dröge, Expertin für internationale Klimapolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik: «Immerhin haben die Amerikaner in der Klimadiplomatie jetzt einen anderen Hebel in der Hand, um auch andere Staaten zum Klimaschutz zu ermuntern: Sie haben gezeigt, dass sie selbst konkret etwas zur Emissionsminderung beitragen.»

 

Das milliardenschwere Klimapaket hat zumindest das Glaubwürdigkeitsproblem des weltweit grössten CO2-Sünders am Verhandlungstisch gelöst. Bleibt zu hoffen, dass es auch die Zwischenwahlen im November überlebt. Sollten die Republikaner obenaus schwingen, müssten sich die Klimaschützer wieder sehr warm anziehen. 

 

Mittlerweile hadern gerade die Bauern und Landwirtinnen in Europa mit dem Klima. Gemüse, Obst, Futterpflanzen, selbst Gras verdorrt, das Wasser ist so knapp wie noch nie, die Sonne scheint erbarmungslos, die Hitzetage erreichen neue Rekorde. Dabei tun sich in der Landwirtschaft neue Möglichkeiten auf, gleichzeitig nachhaltig Energie zu produzieren und Nutzpflanzen zu schützen. Die Agro-Photovoltaik ist ein spannendes neues Feld, das in der Schweiz in verschiedenen Versuchsanordnungen getestet wird. 

 

Die Idee ist bestechend: In drei bis fünf Metern Höhe fangen Solarpanels die Sonne ein und produzieren sauberen Strom. Die Pflanzen darunter sind geschützt vor Hitze, Starkregen, Hagel und Frost. Zudem kann das abfliessende Regenwasser gesammelt und für die Bewässerung genützt werden. 

 

Warum das nicht schon längst zum Landschaftsbild gehört – etwa so wie Plastikfolientunnel – liegt daran, dass PV-Anlagen über landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Schweiz bislang verboten waren. Jürg Rohrer, Professor für Ökologisches Ingenieurwesen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil (ZHAW) meint dazu, das sei der Grund, wieso die Schweiz diesbezüglich ein absolutes Entwicklungsland sei.

 

Doch ganz wie in den USA geht auch in der Schweiz etwas: Im Juni hat der Bundesrat der Revision der Raumplanungsverordnung zugestimmt, seit Juli ist sie in Kraft. Rohrer: «Damit rückt der Bau von PV-Anlagen kombiniert mit landwirtschaftlicher Produktion in greifbare Nähe.»

 

An der ZHAW wird das Potenzial der Agro-Photovolatik nun eingehend studiert. In einer Medienmitteilung rechnete sie vor, dass auf nur gerade 1,1 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche etwa zehn Prozent des Strombedarfs der Schweiz produziert werden könnte.

 

Ist doch ein schönes Bild: Unten werden, Wein, Salat oder Erdbeeren geerntet, oben die Sonne.

Christa Dettwiler