Gemeinsam für das Klima

Bild: @NeNa1
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Die Energieversorgung hat sich endgültig als Krisenthema etabliert. Sie produziert jedenfalls die allermeisten Schlagzeilen in jüngster Zeit. Der oberste Polizist der Schweiz befürchtet gar Unruhen, Aufstände und Plünderungen, wenn der kalte Winter kommt. In ihrem neuen Übersichtsbericht zur Energieversorgung der Schweiz schlagen die Schweizer Akademien der Wissenschaft wohltuend ruhige Töne an. Und in der Stadt Zürich wird ein spannendes Klimaprojekt auf die Schienen gerollt.

Um das angepeilte Ziel von netto null CO2 bis 2050 zu erreichen, mahnen die Akademien eine «kohärente Energiepolitik» an. Also genau das, was aktuell so offensichtlich fehlt. Das Rückgrat der einheimischen Energieversorgung bilden Wasser und Sonne. Dazu kommen unterstützend Sparsamkeit und erhöhte Effizienz. Mitautor Konstantinos Boulouchos, emeritierter Professor für Energietechnik an der ETH Zürich, spricht sogar von «Effizienz first», denn obwohl Geräte immer effizienter würden, machten Wachstum und Verschwendung den Bonus zunichte: «Der effiziente Einsatz einer Wärmepumpe ist nur dann möglich, wenn zuerst das Haus wärmegedämmt ist. Eine Elektrifizierung des Verkehrs ist eigentlich nur sinnvoll, wenn die Zahl der SUV reduziert wird.»

 

Der Professor räumt aber auch ein, dass es schwierig sei, politisch die entsprechenden Lenkungsmassnahmen einzuführen. Denn wer will sich schon sein tonnenschweres Monster, mit dem er die städtische Landschaft erobert, wegnehmen lassen? Schliesslich ist so ein Fahrzeug genau das Richtige, falls es zu energetisch bedingten Unruhen kommen sollte.

 

In Zürich bemühen sich mittlerweile Menschen, klimatheoretische Ziele in die Praxis umzusetzen. Der grüne Gemeinderat Dominik Waser will demnächst eine Motion einreichen, um eine Klimagenossenschaft zu verwirklichen, und zwar mitten in der Stadt beim Hauptbahnhof auf dem Carparkplatz.

 

Die über Jahre angedachte Genossenschaft solle als «Reallabor» dienen, für «eine Lebensweise, die nur einen Planeten braucht», so Waser. Die Idee ist bestechend: Die Bewohnenden erhalten ein jährliches CO2-Budget, das den Planeten nicht zusätzlich belastet. Wie sie das ihnen zustehende Kontingent verbrauchen, ist ihnen überlassen. Hans Widmer (alias PM), Mitglied der Genossenschaft NeNa1, die die Idee entwickelt hat, macht im Tagesanzeiger ein Beispiel. Wer kein Fleisch isst, kann weiter mit dem Zug fahren oder länger fernsehen.

 

Jede Bewohnerin erhält pro Jahr 100 Belastungseinheiten CO2 (Eh) zugeteilt, die sie individuell aufteilen kann. So schlagen etwa 1'000 kWh Strom mit 3,2 Eh zu Buche, 40 Liter Milch mit 8,8 Eh. Fleischkonsum reisst schnell ein grosses Loch, denn zehn Kilogramm belasten das Budget mit 20,3 Eh, fast so viel wie 200 Stunden Internet (22,4 Eh). Für die zehn Kilo kann man sogar über 6'000 km Zug fahren. Wer sein Budget nicht ausschöpft, kann das Guthaben entweder den übrigen Genossenschafterinnen spenden oder es etwa für eine grössere Reise ansparen. 

 

Die Genossenschaft setzt auf solidarisches Miteinander, seien es Betreuung von Kindern und alten Menschen, Mithilfe in der Grossküche oder Jäten auf dem genossenschaftseigenen Bauernhof. Das gemeinschaftliche, klimaverträgliche Leben mitten in der Stadt Zürich wäre auch ein wahres Schnäppchen: Pro Person und Monat sollten knapp 2'000 Franken reichen. 

 

Dominik Waser spricht auch die «moralische Entlastung» an, die eine solche Siedlung mit sich bringe. Man habe heute oft das Gefühl, die Welt alleine retten zu müssen. Doch das könne niemand. 

Christa Dettwiler