Axpo: verzockt

Bild: Axpo I AlpinSolar
Bild: Axpo I AlpinSolar

«It seemed like a good idea at the time.» Das ist die Standardantwort auf Fragen, warum man irgendwann eine fragwürdige Entscheidung getroffen hat. Es schien zu jenem Zeitpunkt eine gute Idee zu sein. Doch Zeiten haben es so an sich, dass sie sich ändern. Und damit ändern sich auch die Marktbedingungen. Auf dem europäischen Strommarkt zum Beispiel. Damals (also noch nicht allzu lange her), wurde die Kilowattstunde Strom zu Schundpreisen von ein paar Rappen verschleudert. Heute kostet sie mehr als 1000 Rappen.

Damals verlangte die EU die Liberalisierung der Stromversorgung in allen Mitgliedsländern. Auch die Schweiz fand, das sei doch eine gute Idee, entliess aber nur die Grossverbraucher in die freie Marktwirtschaft. Heute dürfen die Privathaushalte den Gewerkschaften und – ja – auch der SVP dafür danken, dass sie nach wie vor vom lokalen Elektrizitätswerk beliefert werden. Zwar haben auch die ihre Preise nach oben angepasst, müssen sich aber an den Gestehungskosten orientieren. Die Elcom schätzt, dass der kostbare Saft im Schnitt um 27 Prozent steigen wird. Im Vergleich zu den Bocksprüngen am freien Markt nimmt sich das geradezu bescheiden aus. 

 

Um weiter im Stromcasino mitzocken zu können, braucht nun der grösste Schweizer Energieversorger, die Axpo, schnelles Geld. Martin Neukom, grüner Baudirektor des Kantons Zürich, erklärt die Gründe gegenüber der WOZ damit, dass die Axpo bei den aktuell stark steigenden Strompreisen zusätzliche Sicherheitsleistungen an der Börse hinterlegen müsse: «Solche Sicherheiten – man kann sie wie eine Mietkaution betrachten – müssen innerhalb von 48 Stunden hinterlegt werden.»

 

Vor sechs Jahren drohten Axpo und Alpiq aufgrund massiv roter Zahlen noch das Aus. Wegen der Liberalisierung kauften Grosskunden den Strom dort, wo er am billigsten (und in der Regel auch am dreckigsten) war – darunter auch die kantonalen EWs, denen Axpo und Alpiq ja eigentlich gehören. Das zwang die Stromriesen dazu, ihren hausgemachten teuren Strom zu Dumpingpreisen zu verschleudern. Und das wiederum prägte die Geschäftsstrategie. Man expandiert aggressiv im Ausland. Heute ist die Axpo in 32 Ländern im Energiesektor aktiv. Und man stürzte sich auf den Handel, dem sogenannten Trading. Das zahlte sich aus, der Umsatz stieg. 

 

Heute rächt sich, dass die Axpo ihren Strom grossmehrheitlich an der Börse vertickt – über abgesicherte Termingeschäfte. Das ist bei explodierenden Preisen ein ebenso explosives Problem. Denn die Axpo-Händler:innen verkauften Strom in Milliardenhöhe, den sie noch gar nicht sicher hatten. Dafür wollen die Börsen Milliarden als Sicherheit. 

 

Transparenz ist im Stromgeschäft Mangelware. Obwohl die Axpo eigentlich der öffentlichen Hand gehört, bleiben ihre Geschäfte undurchsichtig. So mutmasst ein Mitglied der Energiekommission, dass der Axpo der Profit auf dem liberalisierten europäischen Markt wichtiger sei als die Versorgungssicherheit im Inland. Und ein anderes Kommissionsmitglied erklärt das aktuelle System mit einem liberalisierten europäischen Strommarkt schlichtweg für gescheitert.

 

Martin Neukom jedenfalls weiss, welche Richtung «sein» Stromkonzern einschlagen muss. Gegenüber der WOZ sagte er, er werde sich als Aktionariatsvertreter des Kantons Zürich persönlich dafür einsetzen, dass künftige Gewinne für den Ausbau der Erneuerbaren in der Schweiz eingesetzt würden. Das hat der Konzern bislang sträflich vernachlässigt und lieber in Italien Gaskraftwerke gebaut oder in Singapur eine Tochtergesellschaft gegründet, um im Markt mit Flüssigerdgas mitzuverdienen.

 

Aber eben, das alles schien damals eine gute Idee zu sein. Auch jene im Mai, als die Axpo den vom Bundesrat vorsorglich bereitgestellten Rettungsschirm vehement ablehnte. Und jetzt greift sie als erste zu. Axpo-Chef Christoph Brand liess sich vom Blick ausführlich zur aktuellen Situation befragen. Er ist sich offensichtlich keiner Fehler bewusst. Er sagt so Sätze wie: «Der Markt weiss es immer besser.» Oder: «Wenn ich jetzt behaupten würde, wir hätten keine Fehler gemacht, wirkt das unsäglich arrogant.» 

 

Und dann kommt das altbewährte Blame-Game doch noch. Auf die Frage, warum man die Stromproduktion vor allem im Ausland vorantreibt, meint der Herr Konzernchef: «Alles wird verhindert. Wir dürfen keine Photovoltaik-Anlagen auf Freiflächen oder entlang von Autobahnböschungen bauen. Windkraftanlagen oder Wasserkraftwerke werden über Jahre oder Jahrzehnte von Umweltverbänden und Privaten blockiert. Das ist himmeltraurig.»

 

Jaha, Herr Brand. Ihre Aussage verdient dasselbe Adjektiv. Himmeltraurig. 

Christa Dettwiler