Die Stromrebellen starten durch

Foto: Schönau - Bergkirche I Taxiarchos228
Foto: Schönau - Bergkirche I Taxiarchos228

Seit 2008 stellt die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) jeweils eine «Energie-Kommune des Monats» vor. Diese Gemeinden zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Handlungsmöglichkeiten auf Gemeindeebene beim Ausbau der Erneuerbaren Energien kreativ und innovativ ausschöpfen. Wie die Kirche bleibt so auch die Wertschöpfung im Dorf und die Akzeptanz und Beteiligung der Bevölkerung ist sehr viel grösser. Eine dieser ausgezeichneten Kommunen ist der Luftkurort Schönau im Schwarzwald. Solarspar hat schon seit Jahren eine Verbindung zu diesem ganz speziellen Ort.

Als die Schönauer Stromrebellen in den 1990er Jahren auf sich aufmerksam machten, reiste eine Solarspar-Delegation in den idyllischen 2’400 Seelen-Ort im Süden Baden-Württembergs. Denn dort geschah Ungeheuerliches: Als Reaktion auf die AKW-Katastrophe von Tschernobyl brachten die Bewohnerinnen eine Bürgerinitiative auf den Weg, um die kommunale Stromversorgung gleich selbst zu übernehmen. Ihnen schwebte eine dezentrale, nachhaltige Energieversorgung vor, die sie seither konsequent vorantreiben.

 

Aus ehemaligen Gegnern, sind beste Freude geworden: Die Gemeindebehörden arbeiten mittlerweile äusserst konstruktiv mit den ehemaligen Stromrebellen zusammen am Ausbau der Erneuerbaren Energien. Das Unterfangen hat eine Strahlkraft weit über die kleine Gemeinde hinaus. Delegationen aus dem In- und Ausland pilgern in den Schwarzwald, um sich über dieses einzigartige, erfolgreiche Unternehmen zu informieren. 

 

Die Dächer der Mehrzweckhalle, des Rathauses, die kommunale Tourismusinformation oder die Geschäftsstelle des Biosphärengebiets Schwarzwald werden konsequent mit Sonnenkraftwerken ausgestattet. Aber auch die Bewohnerinnen werden dazu motiviert, eigene Investitionen zu wagen. Im Projekt «Solar365 – Dein Dach für gutes Klima» werden Hausbesitzende über die Vorteile der Sonnenenergie aufgeklärt – ähnlich wie das Solarspar mit dem Projekt «100 jetzt» im Kanton Baselland gemacht hat. Nicht nur ist die Beratung gratis, Bauwilligen installieren die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) gleich schlüsselfertige Anlagen aufs Dach. Der Erfolg lässt sich sehen: Mittlerweile liefern 3’100 «Rebellenkraftwerke» im ganzen Bundesgebiet Sonnenstrom ins Netz, genug, um eine Kleinstadt zu betreiben.

 

Auch im Bereich Wärme leisten die EWS Pionierarbeit. Schon 1994 wurde ein erstes Nahwärmemetz installiert, das beständig erweitert und dekarbonisiert wurde. Mittlerweile erstreckt es sich fast über das ganze Stadtgebiet. Zwei miteinander verbundene Nahwärmenetze stellen insgesamt rund 2’200 Megawatt Wärme für die Haushalte zur Verfügung. Über 90 Prozent der Wärme liefern Bioenergie. So liefert etwa allein der lokale Bürstenhersteller mit seinem Abfall aus Buchenholzspänen zwischen 700 und 900 Megawatt Wärmenergie. Das Wärmenetz reduziert den städtischen Treibhausgasausstoss um rund 300 Tonnen pro Jahr. Die neue Heizzentrale, 2021 in Betrieb genommen, verfügt über einen Pufferspeicher und zwei neue Blockheizkraftwerke zum Ausgleich von Bedarfsschwankungen. 

 

Schönau leistet aber auch wertvolle Aufklärungsarbeit: Im Energieerlebnispark werden unterschiedliche Energieformen und ihre Auswirkungen auf das Klima vorgestellt. Und beim «Electric Ride» einem Bikertreff der etwas anderen Art, versammeln sich E-Motorrad-Enthusiasten aus aller Welt und tauschen Erfahrungen aus. Weil auf dem Land der öffentliche den privaten Verkehr nur bedingt ersetzen kann, stellt die Stadt ein E-Auto und E-Fahrräder zu günstigen Konditionen leihweise zur Verfügung, um Einwohner und Touristinnen auf den Geschmack zu bringen. Zudem fahren alle kleinen und mittelgrossen Fahrzeuge der Stadt mit Strom. 

 

Schönau im Schwarzwald ist kein Märchen. Die Gemeinde ist ein wunderbares Beispiel für den Weg in eine nachhaltige Zukunft und dafür, was alles möglich ist, wenn engagierte Bürgerinnen und interessierte, gesprächsbereite Behörden an einem Strang ziehen. In diesem Sinn wünschen wir Ihnen und Ihren Lieben Festtage voller Licht und Wärme. Erneuerbar selbstverständlich.

Christa Dettwiler